Mittwoch, 18. April 2012

Erste Entdeckungen

Ich bekam einen Ort im Klein Häuschen, welcher der meine wurde. Es war eine kleine runde steinerne Scheibe, eine Art Teller, etwa von der Größe einer Espressountertasse, mit Perlmuttintarsien, welche stilisierte Pflanzen darstellten. Dieser "Steinteller" befand sich auf der Fensterbank des großen zweiteiligen Atelierfensters mit Blick zum Garten hinaus. Mein Finder stellte mich dort hin, so dass ich in den Atelierraum hineingucken konnte. Immer, wenn er einmal wegschaute, guckte ich auch zum Fenster hinaus und begutachtete den Garten. Er war etwas verwildert, und noch ließen sich erste Frühlingsspuren nur erahnen. Noch wirkte der Garten da draußen seltsam trostlos, wie es in dieser Jahreszeit häufig so ist. Der Winter eigentlich schon vergangen, kein gnädiger Schnee mehr bedeckt die Beete und die Wiese, doch ist noch kein aufstrebendes Grün zu erkennen.

Dann wieder schaute ich mich im Raum um, und ich wurde von Ungeduld und Neugierde gepackt. Ich wollte umhergehen und mir alles anschauen. Nur war ich mir nicht so sicher, ob mein Finder das Umhergehen eines kleinen gefundenen Bären mit blauem Schal um den Hals gutheißen oder missbilligen würde. Ich wusste nicht, ob er überhaupt den Umgang mit kleinen gefundenen Bären mit blauem Schal um den Hals gewohnt war. 

Ich stellte mich jedesmal, wenn er zu mir blickte, starr, und tat unbeteiligt. Nach einer Weile nahm er mich wieder in seine Hand und begutachtete mich. Er schaute mich genau von allen Seiten an, und befühlte dabei meine Öse am Scheitel. Er bemerkte, dass sie sich drehen ließ. Sie ließ sich drehen und sogar aus meinem Kopf herausschrauben, und das tat er denn auch. Das Ergebnis dieser Tätigkeit schien ihn nicht ganz zu befriedigen, denn er schaute missmutig auf das so entstandene Loch in meinem kleinen Kopf. Das gefiel ihm offensichtlich nicht. Er stellte mich mitsamt Loch im Kopf wieder auf meinen Steinteller und verschwand im anderen Raum.

Nach einer Weile kam er mit einem schwarzen Schmuckschächtelchen in der Hand wieder zurück. Er öffnete es, und darin waren verschiedene Gegenstände auf weichem Papier gelagert: Eine zwei Zentimeter große Schnitzerei aus Elfenbein, ein Blatt in einem Rechteck darstellend, ein Silbertropfen in Form eines Blattes, unterhalb eines Türkises angebracht, eine winzigkleine grüne Flaumfeder. Letztere entnahm er vorsichtig dem Schächtelchen und wandte sich damit wieder mir zu.

Ich bekam diese kleine grüne Feder in das Loch in meinem Kopf gesteckt, das fühlte sich kribbelig und merkwürdig an. Doch mein Finder lächelte erst, und lachte dann sogar, aber nicht so, dass ich mich ausgelacht fühlen musste. Es war ein heiteres Lachen. Ich selber konnte mich nicht sehen, erst später, als ich Ruhe hatte, betrachtete ich ausgiebig mein Spiegelbild in einem Fahrradklingeldeckel.

Ich muss gestehen, dass ich diese Drapierung zuerst albern fand. Zwar war ich erleichtert, diese merkwürdige Öse los geworden zu sein, sie erinnerte mich doch zu sehr an die Ketten für Sklaven, jedoch die fremde Feder, mit der ich geschmückt war, war auch nicht das gelbe vom Ei. Gewöhnungsbedürftig, ganz sicher. Aber, hmm, es gibt im Leben eines kleinen Bären mit einem blauen Schal um den Hals und einem Loch im Kopf wohl keine optimalen Lösungen. Ich fand es erstaunlich, wie schnell ich dieses kleine grüne Accessoire vergessen konnte. Meistens bemerkte ich es gar nicht mehr, und wenn doch, dann kam es mir immer häufiger "normal" vor.

Später dann hatte ich meine erste große Chance, meine neue Umgebung genauer zu untersuchen. Mein Finder verschwand über eine hölzerne Trittleiter in der Luke im Dach. Später erfuhr ich, dass sich dort oben ein mit viel Holz ausgekleideter Dachboden befand, mit Musikinstrumenten, Büchern, Schallplatten nebst dazugehörigem Abspielgerät und einem großen Bett. 

Mein Finder verschwand also nach oben, und ward fürs erste nicht mehr gesehen. Ich aber packte die Gelegenheit beim Schopfe und schaute mich um.
 


Die große Muschel mit dem Ei

Ich trage ein Geheimnis in mir. . .

Beim Fahrradklingeldeckelxylophon



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